Hüossen

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Treideln auf der Weser – harte Arbeit am Fluss

Bis etwa 1875 wurden die Schiffe auf der Weser flussaufwärts nicht aus eigener Kraft bewegt. Stattdessen mussten sie vom Ufer aus über den sogenannten Lein- oder Treidelpfad gezogen werden. Erst mit dem endgültigen Durchbruch der Dampfschifffahrt entfiel diese mühsame Arbeit.

Die Männer, die diese schwere Tätigkeit verrichteten, nannte man Leinenzieher – im Volksmund „Bockdrivers“ oder, eher abwertend, „Hüossen“. Meist waren es einfache Tagelöhner, die sich mit dem Treideln ein zusätzliches Einkommen verdienten.

Ein Schleppzug, auch „Mast“ genannt, bestand in der Regel aus drei Booten:

    dem Bock – etwa 35 m lang und 2 m breit,                                                  dem Hinterhang – etwas kleiner als der Bock,                                               dem Bullen – rund 20 m lang und 1 m breit

Bei der Talfahrt konnte auf dem Bock ein Segel gesetzt werden. Beim mühsamen Weg bergauf wurde an derselben Stelle die Zugleine befestigt, mit der Pferde oder Menschen das Schiff vom Ufer aus zogen.

Da der Treidelpfad nicht immer auf derselben Seite der Weser verlief, mussten die Zugpferde gelegentlich das Ufer wechseln. Dafür nutzte man den Bullen, mit dem die Tiere am sogenannten „Überfall“ übergesetzt wurden. 

Die andere Seite der Weser

So schön die Weser ist, sie forderte immer wieder Opfer. Mehrere Männer aus der Region verloren hier ihr Leben: die Matrosen Fritz Nieculski, Wilhelm Lange, Wilhelm Gruppe und Wilfried Arnke, außerdem der Schiffsführer Hermann Bode und der Schiffseigner August Schünemann selbst.

An einen weiteren Unglücksfall erinnert bis heute ein Grabstein an der Hajener Kirche: Er erzählt vom Tod des Schiffers Levin Zeddies, der ebenfalls in der Weser ertrank. Diese Steine und Namen halten die Erinnerung an die Gefahren wach, die früher zum Alltag der Schifffahrt gehörten. 

Die Weser im Wandel

1962 herrschte auf der Weser noch reger Betrieb:

3191 Schiffe mit insgesamt 702.000 Tonnen Ladung passierten in diesem Jahr die Hamelner Schleuse. Heute dagegen ist die Oberweser keine Bundeswasserstraße mehr – der große Schiffsverkehr ist verschwunden, und der Fluss zeigt sich ruhiger als früher.

Die Schiffsmühle von Hajen

Ein besonderes Kapitel der Hajener Geschichte ist die Schiffsmühle, die einst auf der Weser lag. Sie nutzte die Kraft des Flusses, um Getreide zu mahlen – ein schwimmendes Mühlenhaus, das am Ufer vertäut war. Von ihr sind heute nur noch einige Pfosten der alten Anlegestelle erhalten, doch sie erinnern daran, wie erfinderisch die Menschen früher mit der Weserkraft umgingen.

Die Sage von „Katern- oder Kattenhajen“

Früher machten die Treideler aus dem Schaumburger Land gern Halt in Hajen – nicht, weil es dort besonders gemütlich war, sondern weil der Weg lang und der Magen leer war. Eines Tages brutzelte die Wirtin gerade einen herrlich duftenden Hasenbraten. Die „Hüossen“, wie man die Treideler nannte, hatten feine Nasen, aber leider schlechte Manieren: Sie schlichen sich in die Küche, mopsten den Braten und machten sich damit aus dem Staub.

Der Wirt entdeckte den Diebstahl erst, als nur noch der Bratenduft übrig war. Er schwor sich: Beim nächsten Mal kriegen die Kerle eine Lektion!

Einige Zeit später tauchten die Treideler wieder auf. Die Wirtsleute hatten inzwischen einen Plan – und einen alten Kater, der ohnehin schon mehr geschlafen als gelebt hatte. Sie bereiteten ihn so zu, dass er aussah wie ein saftiger Hasenbraten. Und wie erwartet: Die „Hüossen“ rochen den Braten, stahlen ihn erneut und ließen sich das Mahl schmecken.

Der Wirt wartete, bis sie satt und zufrieden dastanden, ging dann zu ihnen und sagte seelenruhig: „Schmeckt’s? Schön. War übrigens kein Hase.“Die Treideler lachten – bis er ihnen das Katzenfell zeigte.

Die Gesichter sollen in diesem Moment so grün geworden sein wie die Wiesen an der Weser. Den Männern wurde übel, und sie schworen, nie wieder in Hajen einzukehren. Doch jedes Mal, wenn sie später mit ihren Schiffen vorbeifuhren, miauten sie angeblich kläglich hinüber – aus Scham, aus Ärger oder aus Verdauungsgründen, wer weiß das schon.

Die Bauern am Ufer wussten jedenfalls Bescheid. Sobald das Miauen zu hören war, griffen sie zur Mistforke und machten klar: Hier gibt’s nichts mehr zu holen!

Und so kam Hajen zu seinem Spitznamen „Katern- oder Kattenhajen“ – ein Name, der bis heute an diese köstlich-kuriose Geschichte erinnert.

2004 wurde vom Hajener Künstler Jan Ehlers die „Hüossen“ -Skulptur am ehemaligen Treidelpfad geschaffen.